Einer der Gründe, warum ich nach Amerika kam, ist, dass ich die Menschen und die Kultur besser kennenlernen wollte.
In der Woche zwischen dem letzten Schul- und ersten Sommercamp-Tag durfte ich Beobachter spielen und die Seite von Miami sehen, die Touristen nicht zu Gesicht bekommen…
Miami Vice
An einem Samstag (4.6.) begleitete ich einen Polizisten des „Miami Lakes Police Department“ auf seiner 8 Stunden langen Streife von 14 Uhr bis 22 Uhr. Für einen so genannten „ride along“ oder „observing ride“ kann man sich bei jeder Polizeistation anmelden.
Nach Dress Code muss eigentlich eine lange Stoffhose, Businesshemd und Krawatte getragen werden. Als mich der mir zugeordnete Officer vom Warteraum abholte, meinte er zu mir gleich, ich solle die Krawatte abnehmen, den obersten Hemdknopf öffnen und die Ärmel hochkrempeln. Die Chefs seien am Wochenende nicht da und man müsse sich ja an die Hitze draußen anpassen – „Miami Vice Style eben“…
Nachdem ich einen Zettel unterschrieb, der die Polizei von jeglicher Verantwortung entbindet, falls ich erschossen/verletzt/entführt etc. werde, stieg ich mit dem Polizisten in seinen brandneuen RAM Streifenwagen. Während wir in unser eigentliches Einsatzgebiet fuhren, wies er mich in alle Programme seines Polizeicomputers ein.
Es dauerte nicht lange, bis wir unseren ersten Einsatz hatten. Eine Frau rief die Polizei, da ihr Exmann unangekündigt seine Kinder, für die die Mutter allerdings das Sorgerecht hat, sehen wollte. Es folgten weitere wenig spektakuläre Fälle (ein Hausalarm wurde automatisch ausgelöst, ein Auto wurde dabei beobachtet, auffällig langsam in einer Nachbarschaft herumzufahren, etc.); wir hatten also eine relativ ruhige Schicht.
Zumindest zu einem richtigen „Emergency“ wurden wir gerufen. Ein junger Mann alarmierte die Polizei, da er der Meinung war, dass 3 Männer, die in seiner Straße wohnen, sein Haus ausrauben möchten.
Am Tatort angekommen erkannten die Polizisten das „Opfer“ allerdings sofort, da er zwei Wochen zuvor in eine Schlägerei mit den 3 Männern verwickelt war. Grund dafür war, dass er angeblich versuchte, ihr Auto zu klauen. Die Männer versuchten nun wahrscheinlich, sich zu rächen.
Lustig war, dass einer der Polizisten seinen Schlüssel in seinem Auto vergaß und sich ausschloss. Wer wurde also gefragt, die Tür aufzubrechen? Der Autodieb. Er behauptete aber ganz scheinheilig, dass er das noch nie zuvor gemacht habe und aus dem Fernsehen weiß, wie es geht…
Ansonsten stoppten wir ein paar Fahrzeuge wegen zu dunkler Scheiben. Hauptgrund dabei ist aber, dass dies ein legaler Weg ist, in das Auto zu schauen und mögliche Drogen zu finden/riechen und natürlich um beschäftigt zu bleiben („You gotta keep yourself busy“)…
Dabei haben wir gehofft, dass wir jemanden festnehmen können (er wusste, dass ich gerne das Gefängnis sehen wollte) – aber leider vergeblich. Wir fuhren die 47th Avenue, in der His House liegt hoch und runter. Der Officer meinte, dass er dort die meisten Festnahmen hat. Da fühle ich mich doch gleich wieder sicher in dem Viertel. -.-
Als wir ein Auto anhielten und der Polizist die chinesische Frau bat, ihre Scheiben herunterzufahren, sah er auf der Rückbank das Schild eines China-Restaurants, in dem viele Cops essen. Nachdem sie bejahte, dass sie dort arbeitet, lies er sie ohne Ticket davonkommen. „Lege dich nicht mit den Leuten an, die dein Essen zubereiten“, erklärte er mir als Grundregel.
Als wir später essen gehen wollten, erläuterte mir der Officer ein weiteres Phänomen: „Sobald du essen gehen willst, erscheinen alle möglichen Sachen vor deinen Augen“, z.B. Autos, die den Verkehr schneiden oder zu dunkle Scheiben haben usw. Solang es kein Notfall ist, muss es dir egal sein – sonst kommst du niemals zum Essen…

Ich hatte das Glück, mit einem sehr coolen Officer mitfahren zu dürfen. Er ließ mich mit seinem Polizeicomputer rumspielen, hielt mitten auf der Straße an, um mit einem anderen Polizisten zu quatschen, widerlegte das Donut-Gerücht und machte einige Späße (er stellte mich einigen Personen als Detektiv vor, da diese meist auch in Hemd, schwarzer Hose und ohne Uniform herumlaufen).
Die Polizisten in Miami sind jedenfalls garantiert keine grimmigen, überkorrekten Bullen. Nein, es sind sehr nette und hilfsbereite Menschen.
Praktikum in den Social Services
Meine andere Erfahrung als Beobachter erwähnte ich bereits in meinem letzten Artikel: für 4 Tage durfte ich den Sozialarbeitern von His House über die Schulter schauen. Hierfür gibt es eine sehr interessante englische Vokabel: „to shadow the social services“.
Wird der Verdacht auf Missbrauch oder Vernachlässigung eines Kindes bei der „Abuse Hotline“ gemeldet, sendet DCF (Department of Children and Families) einen PI (Private Investigator), der der Familie schnellstmöglich einen Besuch abstattet und entscheidet, ob die Kinder vorerst weggenommen werden.
Danach wird der Fall einer der vielen Agenturen, denen Sozialarbeiter bzw. sogenannte Case Manager unterstehen, übergeben.
Obwohl von His House angestellt, erhalten unsere Sozialarbeiter z.B. ihre Fälle von „Our Kids“.
Ein Case Manager nahm mich auf seine drei “home visits” mit. Wir besuchten also Familien, in denen der Fall vom PI als „low risk oder medium risk“ eingeordnet wurde und daher die Kinder nicht weggenommen wurden.
Für den Report checkte der Case Manager, ob das Haus sauber ist, das Kind gesund ernährt wird und ordentlich aussieht und ob genügend Lebensmittel im Kühlschrank sind.
Dann wurden dem Kind im Einzelgespräch Fragen gestellt. Mit einem Kind machten wir den „Ages and Stages“-Test, um herauszufinden, auf welchem geistlichen Level es sich befindet.
Für mich war es sehr interessant, die Umgebung zu sehen, aus der die Kinder, die jetzt in His House Children’s Home leben, weggenommen wurden. Die Mütter waren alle eigentlich ganz nett, aber es war ihnen klar ansehbar, dass sie uns nicht gerne in ihrem Haus hatten. Dennoch fühlte ich mich dabei nicht unwohl, da ich weiß, dass wir ihnen ja nur helfen wollen. Es war eher ein Mix aus Mitleid und Verurteilung, der in meinem Unterbewusstsein aufkam.
Zwei der Wohnungen waren sehr eng und es gab keine Klimaanlage; in einer davon stank es stark, weil sie es sich zurzeit nicht leisten können, ihre Wäsche zu waschen. Eine Frau hatte kein einziges Möbelstück in ihrem Wohnzimmer…
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Nachdem Kinder ihren Eltern weggenommen wurden, können sie von diesen – wenn es das Gericht gestattet – im Kinderheim besucht werden.
Solch einen ein-stündigen „visit“ durfte ich gemeinsam mit einem Case-Aid (Assistent eines Case Managers) und der Therapeutin der Kinder beobachten. Nach nur wenigen Minuten erkannte ich als Laie, dass der Vater ernsthafte Probleme hat. Er war respektlos gegenüber dem Personal und versuchte, uns mit Bargeld zu bestechen.
Die Kinder fanden ihre Spielzeuge viel interessanter und hörten überhaupt nicht auf ihn, wofür er His House verantwortlich machte („Was macht ihr hier nur mit den Kindern? Sie haben sonst immer auf mich gehört. Ich rufe meinen Anwalt an! […]). Er war mit ihnen total inkonsequent: erst erlaubte er ihnen, mit einem Spielzeug zu spielen, dann plötzlich wieder nicht, dann gab er ihnen ein Time-Out, eine Minute später nahm er sie auf den Arm und machte alle möglichen Versprechungen „Wenn du nach Hause kommst, werden wir so viel Spaß haben, das kannst du dir gar nicht vorstellen! Wir gehen zu Disney und ich kaufe euch neue Fahrräder!”.
Als eines der Kinder dann wieder nicht auf ihn hörte, sagte er plötzlich, dass er sie nicht mehr besuchen kommt – und hatte 1min später das Kind wieder auf dem Arm.
Zwei Tage später wurde der Vater festgenommen. Er wurde in einem anderen Staat seit Monaten gesucht und als „sehr gefährlich“ eingestuft. Das erklärt, warum er von einem verlassenen Haus in das Nächste zog und die Kinder nie in der Schule anmeldete.
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Einen anderen Tag begleitete ich eine Case Managerin zu einem Team-Meeting bzw. „staffing“ in einer Schule, in dem über die Zukunft eines Kindes entschieden wurde.
Des Weiteren wurde mir die Chance gegeben, ein staffing im „Our Kids“ Hauptbüro mitzuerleben. In dem Meeting wurde einer Case Managerin ein neuer Fall zugewiesen (siehe oben, wo ich die Prozedur erkläre).
Zu guter Letzt verbrachte ich einen Tag im Familiengericht. Naja, also um genauer zu sein die meiste Zeit davon leider im Warteraum. Trotzdem wurde mir ermöglicht, in drei Anhörungen zu sitzen. In einem der Fälle traf die Richterin die Entscheidung, alle vier Kinder (von 3 verschiedenen Vätern) der 22 jährigen Mutter vorerst in einem Kinderheim unterzubringen.
Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses kurze „Praktikum“ machen durfte. In den 4 Tagen habe ich einen sehr guten Einblick von dem Kinderschutz-System und die Sozialarbeit in den USA erhalten…
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* The child shown on the picture is not from the foster care system.










Hi, Miami vice war meiner lieblingsserien. Ich habe vor ein paar Tagen eine tolle Doku gesehen, wo es genau darum ging. Klasse Artikel, vielen Dank
Von: John am 11. Juli 2011
um 16:06