
Gibt es einen Gott? Existieren Himmel und Hölle? Mit all diesen Fragen hatte ich mich nie beschäftigt, bevor ich Juli 2010 nach Miami kam.
Heute bin ich Gast in zwei Kirchen und besuche wöchentlich eine der angebotenen Kleingruppen, in der ich praktisch all meine Freunde kennengelernt habe.
Wie es dazu gekommen ist? Hier die Geschichte:
Bevor ich nach Miami kam, hatte ich nie zuvor in meinem Leben an einem Gottesdienst teilgenommen. Ich erinner mich nur, dass ich in meiner frühen Kindheit ein Mal mit meiner Familie an Weihnachten in der Kirche war – und eingeschlafen bin…
Man kann sich also vorstellen, dass ich nicht sehr religiös erzogen wurde (dennoch vermittelten mir meine Eltern die christl. Werte von Achtung und Ehrlichkeit etc.).
Demnach suchte ich für meinen Freiwilligendienst eigentlich ein Kinderheim, das nicht oder nur wenig religiös ausgerichtet ist. Nach kurzer Zeit stellte ich fest, dass es in den USA fast keine wohltätigen Organisationen gibt, die nicht „faith based“ sind.
His House hatte eine professionelle und vertrauenswürdige Internetseite, auf der lediglich ein Zitat der Bibel zu lesen war. „Dann kann dieses Kinderheim ja nicht so extrem religiös sein“, dachte ich mir. Wie in meinen Artikeln bereits zu lesen war (z.B. hier), wurde ich schnell eines Besseren belehrt, als ich mein Abenteuer Anfang Juli 2010 begann…
Eine Woche nach meiner Ankunft wurde ich von der Personalleiterin ganz selbstverständlich gefragt, ob ich denn schon eine Kirche gefunden hätte. Am folgenden Sonntag ging ich dann in die Kapelle auf dem His House Campus mit dem Namen „Life Gate Christian Center“, da ich das Gefühl hatte, dass es von mir erwartet wurde. Dort wurde ich sehr warmherzig aufgenommen. Über mein Erlebnis schrieb ich damals einen kurzen Bericht.


Da dieser Kirche allerdings keine Mitglieder meiner Altersgruppe angehören, stand ich nach einem Monat immer noch ohne Freunde da und war ein wenig einsam. Deshalb nahm mich eines Tages der Sohn einer Angestellten zu einem der Jugendabende der „IBB Church“ mit, in denen er als Betreuer arbeitet.
Dort fühlte ich mich nicht allzu wohl, da hier alle Teilnehmer jünger als ich waren. Einer der Betreuer sprach mich allerdings darauf an, dass sich sehr bald jeden Dienstag junge Erwachsene in einer „small group“ oder „college group“ treffen werden.
Einzig allein, um neue Freunde zu finden und nicht etwa, um mehr über das Christentum zu lernen, ging ich dort Ende September zum ersten Mal hin und schrieb auch über diese interessante Erfahrung einen Artikel.



……
10 Monate später:
Sonntags gehe ich immer noch ins „Life Gate Christian Center“ (LG), aber besuche nun hin und wieder stattdessen auch den Gottesdienst der IBB Kirche. Ende November lud mich eine Familie vom LG in ihr Haus zum „Thanksgiving Dinner“ ein.
Durch die „college group“ der IBB Kirche kenne ich heute meine besten Freunde. Gemeinsam gingen wir bereits in eine Blues Bar, zu einer Autoshow und einem Baseball Spiel, sahen den Superbowl, hatten Spaß an einem Spiele-Abend und feierten meinen Geburtstag und Silvester.



Bin ich deswegen ein gläubiger Christ geworden?
Nein.
Da im Christentum an den Zufall nicht geglaubt wird (–> „everything happens for a reason“), wird mir immer und immer wieder gesagt, dass es kein Zufall war, dass ich bei His House gelandet bin und durch reine Einsamkeit der Kleingruppe der Kirche, durch die ich bisher sehr viel über die Bibel und das Christentum allgemein gelernt habe, beigetreten bin. „That’s all part of God‘s plan for you“, versuchen mir meine Freunde häufig zu erklären.
Hin und wieder bin ich aber um ehrlich zu sein schon ins Wanken gekommen. Z.B. wenn ich zurück blicke, wie ich mich Ende September in dem großen Haus (besonders morgens beim Frühstück) einsam fühlte und nur drei Tage später plötzlich eine ganze “Familie” mit 11 Kindern für eine Woche einzog.
Das war genau das, was ich brauchte und danach schätzte ich das Privileg noch viel mehr, alleine wohnen zu dürfen. War das lediglich „perfekter Zufall“? Und ist es „nur Zufall“, dass ich von allen möglichen Freiwilligendiensten, die ich im Auge hatte, gerade in einer der religiösesten Einrichtungen angenommen wurde?


Vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich tendiere jedenfalls momentan erst mal dazu, Agnostiker zu werden. Gerade weil ich in meinem Lebens bereits einige Schutzengel hatte und ein gutes Buch über Nahtoderlebnisse gelesen habe.
Naja, wenn dann die Mitglieder der sehr fundamentalistisch ausgerichteten Kirchen aber wieder von der Schöpfungstheorie, der angeblich vor 4000 Jahren stattgefundenen Sintflut, der vorgeschriebenen Keuschheit und dem Ende der Welt reden, frage ich mich zeitweilig, wo ich hier gelandet bin. Die Chefin des After-School-Programs nannte Homosexualität sogar eine „vererbbare Krankheit“…

Dennoch hat mir besonders die Teilnahme an der „small group“ geholfen, ein besserer Mensch zu werden. Schließlich stimmen alle christlichen Werte, die von Gläubigen angestrebt werden, mit den Sozialkompetenzen, die ein Mensch idealerweise besitzen sollte, überein.
Gemeinsam besprechen wir dort den christlichen Weg, Probleme im Leben zu lösen und dennoch etwas Positives in ihnen zu sehen. Denn jede Herausforderung, die man meistern muss, lehrt einem gleichzeitig etwas.
In beiden Gotteshäusern wurde ich unglaublich warmherzig mit einer ehrlichen Liebe aufgenommen. Wie oft man in die Kirche geht oder wie viele Bibelverse man auswendig kennt, macht einen nicht zu einem guten Christen. Stattdessen muss man durch die tägliche Einstellung und die Art und Weise, wie man andere Menschen behandelt, zeigen, dass man ein Gefolgsmann von Jesus ist.
An dieser Stelle finde ich es wieder beeindruckend, wie manche Personen auf Grund ihres Glaubens täglich versuchen, ein vorbildlich (christliches) Leben zu führen.
Eine Hausmutter erzählte mir außerdem, dass ihr der Glaube an Gott bei der täglichen Arbeit mit den Kindern hilft und sie daraus Kraft schöpft, wenn sie einen harten Tag hat.
„Woher weißt du, dass es einen Gott gibt?“, …
… habe ich schon hunderte Leute gefragt – und die folgenden Antworten am häufigsten erhalten:
- „Sieh dir die Natur an. Sie ist so perfekt und ausgeglichen und es gibt so viele wunderschöne Tiere. Das kann nicht Resultat von Zufall sein.“
– „Wir Menschen sind den Tieren so sehr überlegen durch unsere Intelligenz und Fähigkeit zu Denken und unser Körper ist so extrem Komplex (Zellen, Enzyme etc.), da muss es einfach einen Schöpfer geben.“
– „Weil ich ihn fühle. Das Gleiche gilt für den Wind. Du kannst ihn weder sehen, noch anfassen, aber dennoch fühlst du, dass er existiert.“
– „Früher versuchte ich alles Mögliche, um glücklich zu werden. Alkohol, Drogen, Partys, Frauen. Als ich aber nachts nach Hause kam, spürte ich immer eine Leere in mir. Das änderte sich, als ich Jesus bat, mir für meine Sünden zu vergeben und anfing, für ihn zu leben…“
– „Wie kann man nicht glauben, dass es Gott gibt? Es ist für mich ganz eindeutig; ich sehe die Beweise jeden Tag. Z.B. der Fakt, dass er mich heute Morgen hat aufwachen lassen. Oder dass Leben auf der Erde nicht möglich gewesen wäre, wenn sie nur ein Stückchen näher oder ferner an der Sonne wäre. In meinen Augen kostet es viel mehr Glauben, anzunehmen, dass alles nur Zufall ist.“
– „Niemand kann beweisen, dass es Gott gibt. Du musst es glauben. That’s where faith comes in…“
– „Weil ich gesehen habe, wie sehr sich Menschen zum Guten gewendet haben, nachdem sie Jesus als ihren persönlichen Herr und Erlöser akzeptierten. Ohne einen Gott wäre das niemals möglich gewesen.“
Zum letzten Zitat ist hinzuzufügen, dass ich selbst schon von vielen Leuten gehört habe, wie sie „dank Jesus“ ihr Leben wieder unter Kontrolle brachten und z.B. von Depressionen oder dem Konsum von Alkohol/Drogen befreit wurden.
Ein gutes Beispiel ist Brian Welch, der ehemalige Leadgitarrist der Metalband „Korn“. In diesem Video erzählt er seine Story:
-
Vielen Christen habe ich in den letzten 10 Monaten tausende Fragen gestellt. Alles in allem muss ich sagen, dass das Christentum in sich einen geschlossenen Sinn ergibt.
Ich erinner mich aber noch, wie mich Freunde fragten: „Wenn ich dir alle Fragen beantworte, wirst du dann anfangen, Jesus Vertrauen zu schenken? Wahrscheinlich nicht, denn Religion kann man nicht rationalisieren; man muss glauben. Christianity is a faith based religion and above all a personal relationship with Jesus…“.
Abschließend möchte ich betonen, dass ich hier noch nie das Gefühl hatte, dass mir irgendjemand versucht, die Religion aufzuzwingen. Klar sprechen mich Freunde hin und wieder darauf an, aber nur weil sie sich Gedanken um mich machen (nach christl. Sicht landet jeder, der Jesus vor seinem Tod nicht als persönlichen Herr und Erlöser „akzeptiert“, in der Hölle).
Niemals aber wurde ich dafür verurteilt, ein „non believer“ zu sein. Ich habe festgestellt, dass nicht Gläubige viel mehr Vorurteile gegen Christen haben, als andersrum…








Sehr erwachsener, kluger Eintrag. Gefällt mir!
Von: King am 22. Mai 2011
um 12:46
Man, man, man. Ich weiß nicht, ob ich es hinbekommen würde immer so viel zu schreiben. Ist ja fast ein Talent von dir^^ Sone religiöse Sache wäre nichts für mich, aber scheint ja ganz nett zu sein.
Viele Grüße
Leo
Von: Leo am 30. Mai 2011
um 12:52
Naja, so viel schreibe ich doch gar nicht…
Ist halt schwer, sone komplexe Sache kürzer zusammen zu fassen.
Von: kinginmiami am 30. Mai 2011
um 22:13
Hey Dennis,
du machst dir ja richtig tiefgreifend Gedanken über die Dinge. Das freut mich. Ich denke, dass es sich lohnt sich mit dem Glauben auseinander zusetzen.
Wir müssen es mal auf die Reihe bekommen zu skypen!
Grüße
Von: Jonathan am 6. Juni 2011
um 22:36