Verfasst von: kinginmiami | 2. Februar 2011

Warum benehmen sich Kinder? Oder warum eben nicht?

Es ist schon ein Weilchen her, dass ich das letzte Mal konkret über meine Erfahrungen im Kinderheim geschrieben habe. In den letzten Artikeln ging es größtenteils um Ausflüge, Kultur oder Urlaub.
Deshalb würde ich jetzt gerne erläutern, warum meine Arbeit jeden Tag so anstrengend ist. Schließlich habe ich rund 42 Stunden pro Woche in der Schule mit teils unverschämt frechen, respektlosen Kindern zu kämpfen.
Die Schlimmsten sind meist die Kinder aus der Gemeinschaft (community), also diejenigen, die nicht im Kinderheim wohnen. Dass sich die „His House“-Kids nicht benehmen oder konzentrieren können nach all dem, was sie durchgemacht haben (Missbrauch/Vernachlässigung etc.) ist relativ nachvollziehbar.
Aber warum benehmen sich die anderen Kinder so daneben?!

Eine Theorie, die ich in einer Fortbildung gelernt habe, sagt aus, dass sich Kinder schlecht benehmen, um entweder etwas zu kriegen (Aufmerksamkeit, Aktivitäten, …) oder zu vermeiden („langweilige Aktivitäten“, peinliche Situationen wie z.B. laut lesen).
Da mir das aber zu generell ist, habe ich den Verhaltensmanager (Mr. David) der Schule um Rat gefragt. Er hat es mir folgendermaßen erklärt:


Um zu verstehen, warum „unsere“ Kinder so frech und respektlos sind, muss man zunächst das Gegenteil erläutern: warum sich Kinder „normaler Familien“ benehmen wollen. Das hat zwei Gründe: sie wollen ihre Eltern stolz und glücklich machen und haben Angst vor den Konsequenzen. Dabei wichtig ist, dass die Eltern konsequent bestrafen, dem Kind erklären, warum es diese Strafe hat und erwünschtes Verhalten lohnen/belohnen (sei es Eis essen gehen, eine Umarmung oder einfach nur der Satz „Ich bin sehr stolz auf dich“).
Die Kinder haben also eine tiefe Verbindung mit den Eltern, fühlen sich sicher und geliebt. Mr. David erzählte mir, dass es für ihn als Kind das Größte in der Welt war, wenn er morgens für ein paar Minuten im Bett seiner Eltern liegen durfte – was in meiner Kindheit genau gleich war.

Abgesehen davon nehmen Kinder Benehmen unbewusst auf, indem sie das Verhalten der Eltern sehen. Wie behandelt der Vater die Mutter; zeigt er Respekt gegenüber Frauen? Wie reagieren sie, wenn sie wütend sind? Zu welchen Anlässen zieht die Mutter ihr schickes Kleid an? Was sollte man in der Öffentlichkeit nicht sagen/tun? Wenn sich der Vater in einem Laden beschwert, ist er höflich/ruhig oder fängt er sofort an, respektlos rumzuschreien? Und vor allem: wie behandeln sie ihre Eltern?!kind
His House Academy liegt in einer einkommensschwachen Nachbarschaft. Die Kriminalitätsrate ist hoch, die meisten Einwohner sind ungebildet und müssen lange und hart für ihr Geld arbeiten oder haben keinen Job.
Ein Großteil dieser Kinder haben alleinerziehende Eltern, weil der andere Elternteil einfach abgehauen ist und die Familie sitzen gelassen hat. Deshalb bilden Viele eine Mauer um sich herum und haben es schwer, neuen Menschen zu vertrauen. Wie denn auch, wenn sie in jungen Jahren von der wichtigsten Person in ihrem Leben betrogen/belogen wurden. Meist fehlt deshalb die Vater- oder Mutterfigur in ihrem Leben, sodass sie nicht lernen, wie ein Erwachsener andere Menschen und seinen Ehepartner behandeln sollte.
Der englische Fachbegriff dafür ist „dysfunctional families“. Darunter zählen auch Familien mit mehreren Vätern. In der Schule haben wir z.B. sechs Geschwister, die vier verschieden Väter haben. Was sollen die Kinder davon bitte lernen?

dysfunctional familySelbst in den Familien mit zwei Elternteilen gibt es meist keine starke Verbindung zwischen Kind und Eltern. Das innere Bedürfnis, die Eltern stolz zu machen, ist daher kaum zu sehen. Viele Eltern bestrafen nicht konsequent und reden nicht genug mit den Kindern, weil dies sehr zeitaufwendig ist. Schließlich muss man seine eigenen Wünsche nach hinten stellen, wenn man konsequent sein will. Erteilt man seinem Teenager Hausarrest fürs Wochenende, gibt man sich damit nämlich selbst auch ein Hausarrest. Um zumindest für unsere Schule zu sprechen, kann ich sagen, dass viele der Eltern verhältnismäßig jung sind und viele Privilegien noch nicht aufgeben möchten.
In anderen Familien wiederum sehen die Kinder ihren Vater nur abends, wenn er nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommt. Haben sie sich in der Schule daneben benommen, schlägt er eben zu. Mit dem Kind reden? Fehlanzeige.

Es ist immer sehr interessant, den Kindern zuzuhören. Eine Zweitklässlerin schläft z.B. sehr häufig im Unterricht ein. Ihre Schwester hat mir gestern erklärt, dass sie bis zwei Uhr nachts Fernsehen geguckt hat. Der Vater habe ihr mehrfach gesagt, ins Bett zu gehen, was sie einfach nicht gemacht hat. Punkt. Konsequenzen? Nein. Auch von solchen Eltern hört man hin und wieder.

Ich möchte hier aber auf gar keinen Fall verallgemeinern. Am Ende kommt es nicht darauf an, ob man reich oder arm, geschieden oder verheiratet ist. Wichtig ist, dass man Zeit mit ihnen verbringt, sie oft genug lobt, ihnen sagt und zeigt, dass man stolz auf sie ist und sie über alles liebt und ggf. konsequent bestraft.
Ein Vater, der nach einem harten Arbeitstag erschöpft nach Hause kommt und sich dann noch mit dem Kind hinsetzt, weil es Probleme mit den Hausaufgaben hat, DAS ist ein richtiger Vater.

Schule
—> Das Problem in der Schule:
Ich muss mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass diese Kinder komplett anders aufwachsen, als ich damals. Für ihr schlechtes Benehmen können sie größtenteils nichts, weil sie nie besser gelehrt wurden.

Das ironische ist aber, dass viele Eltern erwarten, dass die Schule den Kindern nun dieses schlechte Benehmen austreibt – also praktisch das korrigiert, was sie bereits vermasselt haben. Eine unmögliche Aufgabe. Warum?
In der Schule gibt es nicht zu viele Möglichkeiten, die Kinder zu bestrafen, da sie schließlich den Unterricht nicht verpassen sollten (was für sie natürlich eher eine Belohnung ist). Wenn ein Lehrer den kleinen Kindern die gesamte Spielzeit (Hofpause) entzieht, bestraft er sich dadurch auch selber, weil die Schüler dann ihre überschüssige Energie nicht loswerden und im Klassenzimmer erst recht nicht still sitzen können.
tantrum
Nimmt man den Teenagern ihre Hofpause weg, ist es ihnen ziemlich egal. Wenn sie im Klassenzimmer zu einer zu großen Störung werden, müssen sie für einige Zeit im Sekretariat sitzen und weiter arbeiten, was sie aber genießen, da dort ja kein Lehrer ist, der sie stört. Eine schlechte Note bekommen? Das ist ihnen ziemlich egal. Besonders die Teenager haben oft keine Lust auf PE (Sport) und setzen sich einfach hin. Wenn ich sie dann darauf hinweise, dass sie dafür eine 6 bekommen, sagen sie „Ist mir doch egal. Gib mir doch eine 6!“.
Man bedenke: in Amerika liegt generell kein solch starker Druck auf den Schülern wie in Deutschland, wo schon nach der 4. Klasse (in Berlin 6. Klasse) aussortiert wird – jeder kommt auf die High School! Das Wort Motivation ist deshalb umso mehr ein Fremdwort.
Manchmal wird ein Schüler auch für 1-3 Tage suspendiert, was für ihn bedeutet, dass er nicht in die Schule muss und teilweise zu Hause sogar X-Box spielen darf.
Bart Black Board

Wenn man an seine Kindheit zurück denkt, was sind die zwei schlimmsten Konsequenzen, mit denen Lehrer drohen konnten? Ein Tadel oder ein Gespräch mit den Eltern. So etwas wie Tadel gibt es auf unserer Privatschule nicht. Bei uns landen all diejenigen Kinder, die von den öffentlichen Schulen bereits runtergeflogen sind.
===> Die eigentliche Bestrafung/Disziplinierung muss also zu Hause stattfinden! Des Weiteren müssen die Eltern die Entscheidungen der Lehrer unterstützen!
Man kann ein Kind noch so hart in der Schule bestrafen – wenn es eine „rote Karte“ im Verhaltens-Kalender erhielt , einen Lehrer komplett respektlos behandelt hat, oder gar suspendiert wurde und dann nach Hause kommt ohne jegliche/vernünftige Konsequenzen, ist alle Mühe umsonst und wir drehen uns im Kreis.

Bei Elterngesprächen wird meist einiges klarer. Mr. David wurde bereits von Eltern angeschrien, die das schlechte Verhalten ihrer Kinder nicht einsehen wollen und die Lehrer beschuldigen, die Kinder angeblich auf der Pike zu haben. Sehr oft erscheinen sie aber erst gar nicht zu den vereinbarten Terminen.
Als Mr. David eine Mutter anrief, weil ihr Sohn im Kindergarten komplett ausrastete, mit Stühlen warf und üben den Zaun klettern wollte und deshalb abgeholt werden musste, schrie sie am Telefon „Stören/Nerven Sie mich jetzt nicht! Mein Sohn hat das Recht auf Bildung!“ und ist nie aufgekreuzt.

Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass der Unterschied zwischen einigen Kindern aus der Gemeinschaft zu den His House-Kindern lediglich ist, dass sie vom Sozialamt NOCH nicht weggenommen wurden…


Antworten

  1. Guter Artikel!
    Hier habt da sicherlich eine Konzentration von Negativbeispielen von euch.

    In Amerika und auch Deutschland wurde über das Buch und die Aussagen der Professorin und Mutter Amy Chua diskutiert. Eine Art Plädoyer für strenge Erziehung.
    Siehe z.B.:
    http://www.nytimes.com/2011/01/16/fashion/16Cultural.html?_r=1&scp=1&sq=amy%20chua&st=cse
    http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,741314,00.html
    http://www.zeit.de/2011/05/China-Erziehung


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