Und schon wieder sind 2 1/2 Wochen zum letzten Blogeintrag vergangen. Dies mal gibt es so EINIGES zu berichten…:
Ich habe meine ersten 2 1/2 Schulwochen überlebt!

Mein Job als teacher’s aid (= Lehrerhelfer) ist bisher noch relativ entspannt. Ich helfe z.B. Schülern während der Stillarbeit im Unterricht und sorge für Ruhe, kopiere und korrigiere Arbeitsblätter, decke die Tische in der Cafeteria und beaufsichtige die Kinder beim Mittagessen und Spielen – mehr oder weniger also ein „Mädchen für alles“. Meistens arbeite ich allerdings mit den jüngeren Kindern (Kindergarten bis 4. Klasse). Montags, mittwochs und freitags helfe ich außerdem dem „Sportlehrer“, der auch nur ein Freiwilliger ist und in meinen Augen, oder besser gesagt nach deutschen Maßstäben, etwas seltsam bewertet. Wer mitmacht und sich nur halbwegs anstrengt, kriegt ein A (eine 1), wer sich nicht benimmt oder quatscht kriegt „nur“ ein B (eine 2); ein C wurde erst ein Mal vergeben.
Es ist schon auffällig, wie unsportlich manche Kinder sind. Sogar einige ältere Schüler lassen beim Sprinten ihre Arme hängen, als seien sie gelähmt, andere wiederum wissen nicht ein Mal, wie man Kniebeuge oder Liegestütz macht. Generell wird der Sportunterricht aber anscheinend auch nicht sooo ernst genommen, schließlich tragen die Kinder beim Sport ihre Uniform (das heißt meist lange Stoffhosen!).
In der Schule sind insgesamt nur knapp 60 Schüler (darunter auch Kinder aus der Nachbarschaft, die nicht im Kinderheim wohnen), weshalb je 2 Jahrgänge zusammengelegt sind (in der 1. und 2. Klasse sind sogar zwei Kindergarten-Kinder). Daraus resultiert natürlich, dass Schüler mit sehr unterschiedlichem Wissensstand gemeinsam in einem Raum sitzen. Aus diesem Grund werde ich in den älteren Jahrgangsstufen besonders in Mathe gebraucht. Um den Kindern helfen zu können, musste ich aber schnell selbst wieder die schriftliche Division, Multiplikation und Subtraktion erlernen. Nach so vielen Jahren mit dem Taschenrechner hat man das nämlich schnell wieder vergessen.
Neben dem unterschiedlichen Lernlevel haben wir teilweise auch mit sehr frechen, respektlosen und motivationslosen Kindern zu kämpfen. Bei den „public-kids“ wird versucht, so gut wie möglich mit den Eltern zusammen zu arbeiten, nur haben einige von ihnen daran manchmal gar kein Interesse. Ein Junge aus der 2. Klasse wurde z.B. um 5 Uhr nachts alleine auf dem Fahrrad gefunden. Warum? Sein Vater ist im Gefängnis und seine Mutter rennt jede Nacht von einer Party auf die nächste. His House Academy ist keine „normale“ Privatschule – praktisch jedes Kind hat eine traurige Geschichte, weshalb wir einen eigenen Behavior-Manager (Verhaltens-Manager) haben.

Um 15 Uhr bekommen die Kinder super-gesunde Snacks (Chips, Kekse, Müslieriegel, Kracker o.ä.). Ab diesem Moment bin ich Betreuer im After-School-Programm, was meine Arbeit circa drei Mal anstrengender macht: ich muss die Kinder gemeinsam mit 1-2 anderen Freiwilligen dazu bringen, nach bereits 7 Stunden Schule ihre Hausaufgaben zu machen; manchmal bin ich aber auch auf mich alleine gestellt.
Danach steht Literatur (die Kinder kriegen z. B. Workbooks zum Thema „Respekt“ oder müssen Gedichte schreiben), physical activity (= Sport) und „social skills“, basteln oder Musik auf dem Plan. Dabei betreue ich die 3. und 4. Klasse, also insgesamt nur 9 Kinder, aber das ist manchmal trotzdem eine anstrengende Herausforderung. Größtenteils wegen des schlechten Verhaltens einiger Kinder, aber auch aus dem Grund, dass manche Schüler 1-on-1-Training brauchen.
Dazu kommt noch, dass zwei von den Kindern aus Haiti sind und somit Probleme mit Englisch haben. Manche Freiwillige im After-School-Programm helfen nur ein Mal die Woche, was dann die Arbeit mit den Kindern auch nicht wirklich leichter macht.
IBB
Noch bevor die Schule losging, besuchte ich zwei Mal die Jugendgruppe einer Kirche namens IBB (kein Ahnung, wofür das steht). Von außen sieht das neu errichtete, eckige Gebäude aus wie ein Supermarkt. Als feierlicher Abschluss des letzten Jugendtreffs in den Ferien wurden einige Jugendliche in ihren Alltagsklamotten getauft – in einem aufblasbaren Schwimmbecken.
Nach der Zeremonie habe ich einige Leute mit Hot-Dogs und Hamburgern rumlaufen sehen. Als ich sie fragte, wo sie sie her haben, zeigten sie auf eine Tür, die nach draußen führt. Als ich raus ging, konnte ich meinen Augen nicht trauen: das Gebäude der Kirche hat einen eingebauten Imbiss!

Letzte Woche Dienstag war ich dann zum ersten Mal in der IBB College-Gruppe für Männer. Wir werden uns fortan jeden Dienstag treffen und über die alltägliche Umsetzung der Bibel sprechen. Das Ziel dabei: sich gegenseitig stärken und offen über alle Probleme reden, um ein christliches (friedliches, dankbares, hilfsbereites, etc. etc.) Leben zu führen. Mit anderen Worten also mehr oder weniger eine inoffizielle Selbsthilfegruppe.
Im Gespräch habe ich erzählt, dass man manchmal unabsichtlich anfängt, Kinder mit schlechtem Benehmen nicht zu mögen. Dabei muss man aber stets in Gedanken haben, dass niemand „böse“ geboren wird, sondern Fehlverhalten immer einen Grund hat und diese Kinder ganz besonders viel Liebe brauchen. Mit dieser Aussage habe ich einen der Männer „geknackt“, sodass er 15min wie ein kleines Mädchen geheult hat und erzählte, wie sehr er um Vergebung für all seine Sünden betet und die Zeit am liebsten zurück drehen würde. Zutiefst bereut er u.a., dass seine Mutter seinetwegen 5-mal im Krankenhaus war, er seinen Freund aus Verzweiflung um 300 Dollar bestohlen hat und von jemandem lernen wollte, wie man Drogen verkauft.
Das hat mir gezeigt, wie „böse“ Menschen im Inneren ticken können und wie wichtig die Arbeit mit verhaltensauffälligen und traumatisierten Kindern ist, um diese von Taten abzuhalten, die sie später bereuen. Nachdem ich all die traurigen Schicksale von den Kindern mitbekommen habe und sehe, welch immensen Einfluss es auf ihr Verhalten hat, nicht in einer „richtigen Familie“ aufzuwachsen, weiß ich meine eigene Familie und Erziehung viel mehr zu schätzen.
“Hotel King”
Ich wohne alleine in einem Haus, habe aber öfters Gäste und muss mehr oder weniger „Hotel“ spielen. Ein Mal war es eine Hausmutter vom Campus, die an ihrem freien Tag einfach weg von „ihren“ Kindern sein wollte, ein anderes Mal blieben die Eltern einer Hausmutter für ein paar Tage, um ihre Tochter zu besuchen und vor einem Tagen war es das zweite Mal, dass eine Frau aus den USA ein Kind aus Haiti adoptiert und abgeholt hat und hier im Kinderheim (fungiert als Gateway) für ein paar Tage die restlichen Papiere klärte, bevor sie ihr „neues Kind“ mit nach Hause nehmen kann.
Dadurch habe ich ein wenig Gesellschaft und höre interessante (Adoptions)Geschichten, deren Part ich durch ihren Aufenthalt in meinem „Hotel“ werden kann. Außerdem habe ich gemerkt, dass es meinem Haushalt ganz gut tut, wenn hin und wieder mal eine Frau im Haus ist…
Als ich hier eingezogen bin, wurde mir gesagt, dass ich das Haus immer sauber halten muss – „ready for a tour“. Vor knapp 2 Wochen teilte man mir dann freundlich mit, dass ich doch bitte mein Zimmer aufräumen soll. Ich dachte, dass zumindest MEIN Zimmer Privatsphäre sei. Vor ein paar Tagen wurde mir dann aber klar, warum das so genau genommen wird: die Federal Government, die die Lizenzen vergibt und schlussendlich über alle Kinder entscheidet, hat His House einen Überraschungsbesuch abgestattet – und auch mein Haus wurde besichtigt. Ein Glück hatte ich zu diesem Zeitpunkt aber alles aufgeräumt.
Trips:
Da eine Hausmutter nach insgesamt 14 Jahren His House verlassen wird, um auf einen Missionars-Trip auf Hawai zu gehen, sind wir am Freitag zum Abschied in ein polynesisches Restaurant essen gegangen. Für 12 Euro „Eintritt“ wurde uns eine sehr gute Show geboten und wir saßen sogar direkt vor der Bühne.
Wie in Amerika üblich, wurde uns zu unserer Bestellung kostenlos je ein Glas Wasser gebracht, das von den Kellnern ständig aufgefüllt wurde. Solch einen Service möchte man aber auch erwarten, wenn einem bei der Rechnung bereits 18% Trinkgeld automatisch angerechnet werden! In Amerika ist es legal, das Trinkgeld als „Service Charge“ ungefragt mit auf die Rechnung zu setzen, allerdings sind es meist 15-16%. Nur bei Gruppen ab 8 Personen steigt die Prozentzahl auf 18%.




Diesen Sonntag habe ich einen Ausflug mit einer Familie aus meiner Kirche nach Key Biscayne gemacht. Das ist eine Insel, die über eine große Brücke mit dem Auto zu erreichen ist. Außer einem Leuchtturm, auf den man kostenlos hochsteigen durfte, und einem Badestrand gab es dort eigentlich nichts Besonderes. Nach einer kurzen „Erfrischung“ im lauwarmen Wasser fuhren wir in ein Restaurant, weil der Vater darauf bestand, mich zum Essen einzuladen…




Emotionales:
Am meisten beeindruckt hat mich bisher die Veränderung im Verhalten eines dreijährigen Jungen. Als ich ihn vor 2 Monaten das erste Mal traf, war er bereits einen Monat hier im Kinderheim. Er haute die anderen Kinder in seinem Haus, nannte sie „dufail“ (ich weiß nicht, wie man es schreibt; es ist jedenfalls Spanisch und bedeutet so viel wie „eklig“) und warf auch gerne mal seine Gabel quer durch den Raum. Wenn ich zum Abendessen in sein Haus kam, ignorierte er mich entweder, oder „begrüßte“ mich mit einem Schlag. Als ich damals an meinem zweiten Wochenende einen Ausflug mit dieser „Familie“ nach Miami Bayside machte, spuckte er sogar in der überfüllten Hochbahn wild um sich herum.
Nach 1 ½ Monaten begrüßte er mich mit einer Umarmung, nannte mich „amigo“ (span. = Freund) und benahm sich beim Essen besser als die anderen Kleinkinder. Nur das Hauen von anderen Kindern konnten wir ihm leider noch nicht ganz abgewöhnen. Vor rund zwei Wochen wurde dann schließlich eine Pflegefamilie für ihn gefunden. Es dauerte nur wenige Tage, bis ein neues Kind in die Familie einzog…
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Hallo Dennis, irgendwie ist es spannend aber auch manches mal richtig traurig. Für manche Kinder muss es doch wirklich ein Genuss sein, dich kennen zu lernen. Für die Kinder wirst du ewig im Gedächtnis bleiben. Ganz bestimmt! Aber so kennt man dich eben. Auch in unserer Schule warst du immer ein gern gesehener Mensch bei den Kids. Nicht nur bei den Kids auch bei mir. Deine Schwester war heute im Sekretariat und hat mir Grüße von dir ausgerichtet. Sie fragte erst ganz zaghaft ob ich Frau Schlier sei. Voll niedlich. Danke für die lieben Grüße. Also mach weiter so, die Kinder brauchen dich dort. Aber das muss ich dir nicht sagen. Du machst das schon, da bin ich mir sicher! Also auf deinen nächsten Eintrag von dir freue ich mich sehr. Bis dahin sei lieb von mir gegrüßt.
M. Schlier
Von: Schlier am 2. September 2010
um 18:57
Hey Dennis,
nach langer zeit melde auch ich mich mal wieder bei dir..
also das emotionale zum schluss klingt echt faszinierend.. was aus so nem kleinen rotzloeffel doch alles werden kann ^^, da muss ich glatt doch wieder an meine kleine freche kindheit denken ^^
der anfang zum thema sport und unterricht.. ich wuerde mal sagen das vorurteil wurde mal total bestaetigt, aber gelten tut das sicherlich nicht fuer die meisten schulen.. eine schule mit 60 schuelern ist ja echt der knaller..
zu den unerzogenen leuten.. das ist ne super erfahrung fuer dich, denn das lehrerleben wird nicht immer dem paradies aehneln
aber ist echt cool was du da alles so erlebst.. wenn man ueberlegt was wir hier in berlin machen .. oh mann, da denke ich echt, wofuer haben wir jetzt Abitur? ^^
Kurz zu meiner person. ich befinde mich gerade im bundeswehrkrankenhaus in berlin, wegen paar kleinigkeiten.. das krankenhaus hier ist echt der wahnsinn, vor allem wirst du umso besser behandelt, wenn du denen sagst das du medizin studieren willst und dich vllt verpflichten lassen willst ;P
ansonsten ist meine Grundausbildung ende dieses monats abgeschlossen.. wir sitzen nur noch in unterrichtsraeumen und lernen praktisch wie man sanitaeter wird, falls mal die olle grabosch wirklich umkippen sollte, weiss ich ja spaetestens jetzt bescheid, wie ich sie wieder lebendig kriege
dir weiterhin viel erfolg mit deinen kleinen teufelchen und wenn du mal kummer hast oder garnicht mehr klar kommst, meine nummer hast du ja
liebe gruesse
weicai
Von: Weicai Xu am 16. September 2010
um 08:35
Hey Dennis,
ich hoffe, es geht gut soweit?
Habe deinen Blog noch einmal überflogen und jetzt auch dein Fotoalbum entdeckt…
Ich muss sagen, ich bin schon ein bisschen neidisch
Miami scheint ja in manchen Situationen echt so, wie in den Blockbustern immer zu sehen ist, zu sein.
Ich habe noch einen Vorschlag für einen weitere Blockeintrag:
Man hat ja als Nicht-Amerikaner ein Haufen Klischees, die man auch als Urlauber weder los wird noch bestätigen kann…
Da kannst du ja jetzt ins Spiel kommen und nach längerem Aufenthalt mal ein wenig Wahres nach Deutschland predigen ;D
Viele Grüße aus dem grau-verregneten-nachts-unter-10-Grad-temperierten Deutschland :]
Von: Steffen am 18. September 2010
um 00:10
Auch dieser Blog ist ein echtes Highlight! Ich wusste schon, dass er existiert, seit ich das letzte mal hier war hat sich aber wieder einiges getan.
Werde mir in den nächsten Tagen bei Gelegenheit alles nochmal in Ruhe zu Gemüte führen!
Was gibts abseits des Blog neues bei dir?
Viele Grüße,
Daniel
Von: Daniel K. am 19. September 2010
um 04:01